Yann–Vari Schubert, 2017

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Nov 10 — Dec 9, 2017
Yann–Vari Schubert
... Repeat Until ...

It was the last night of a too-short summer, and I sat down in the grass on the bank of the canal and closed my eyes. The voices of the people around me and the lights moving past blended into one, a flow that overwhelmed me, and for an instant I had the luminous sensation of the current of time passing through the physical matter of my body, which was no different from the matter of the leaves of grass beneath me and the stars above me and the bodies next to me; they were merely put in a different kind of motion by the kiss of time before the inception of eternity and now softly lapped the banks of my sensibility as a gentle wave. I took the remaining ketamine and sank into the night’s silky afterglow, holding Robert Walser in my arms. My jaw became numb and everything disintegrated. The glow of the liquid crystals in my smartphone’s display drew my sentience and with it the sensitivity of my fingers to the ostensible signifiers of meaning out of which I arrange this writing. But my hands grew sweaty and the device gradually eluded by control, the delicate tensions blurred, while whatever was left of my perspective became warped. Did I feel, in the shadow of the inky black display’s infinite glow, the glow of the rare earth mines in the mountains of the Congo? Or the scent of the tears in a Foxconn dormitory bunk bed, born from the yearning for the scent of wood as the rainy season comes to a close? The workers’ sweat falling like beads from their muscles in the instant of contraction? There was no doubt: I was high. My phone spurned my input. All of a sudden the magic was gone and I stared, motionless, into the intolerability of an absolutely neutral reality. Nothing had meaning anymore.

Who are we in the absence of a history?

The virtual is the antagonist not of the real but of the actual. It is a shimmering field of potentials that lies outside the material world and yet constitutes our reality. Our fears are virtual; so are our hopes. In ancient Rome, the virtual was virtue, personified in the deity Virtus, the glory of soldiers who had proven their bravery in war, the presence of what lay in the past and yet remained part and parcel of the real, persisted in it, just as the unknown in our past is a gravitational force that now gently, now harshly guides the trajectories of our existence into its orbit. So the virtual and the actual, held apart by the tension between them, demarcate a scorching boundary of non-contact. It is this boundary that Yann-Vari Schubert approaches in his art. The work while (true) for a while employs the means of digital photogrammetry to survey a landscape of menhirs. These enigmatic upright stones date from the late Neolithic, ca. 7,000–5,000 BCE, and probably served ritual purposes, though their true meaning remains unknown. Still, they seem to bear witness to an effort to mark a position in the world, which is to say, the emergence of a kind of subjectivity; attempts to wrest some order from the chaos of existence. Into this landscape the artist inserts a symbiosis of two concepts from computer programming. For and while loops are functions that allow for the defined or indefinite repetition of operations under certain conditions and constitutive elements in the execution of programs. That technologies inform our approach to the world is hardly a novel phenomenon; their virtual potentials have always determined our possible actions. The stone my ancestor used to ignite a fire could also be the weapon with which he bashed in a competitor’s skull. Contemporary technologies, by contrast, have ever more specialized applications, a shift that strips them of their latitude of indeterminacy. In his series begin repeat until end and untitled (Spline), Schubert directly engages with these determinisms. He confronts technological specificity with the variables of human action and contingency: a dance with the algorithms in which he probes the scope of a relative autonomy, arriving at images whose facture establishes a more profound ambivalence between specification and alteration while also being unique and irreproducible. This openness to the potentials of technology is vital if we are to retain some influence over the design of the future realities of life. For our technological dependencies are inescapable, and a subjectivity impervious to their power can never be more than fiction.
—Roy Huschenbeth

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In der letzten Nacht eines zu kurzen Sommers setzte ich mich in das Gras am Ufer des Kanals und schloss meine Augen. Die Stimmen der Anwesenden sowie die vorbeiziehenden Lichter verschmolzen zu einer mich überkommenden Strömung und ganz hell konnte ich für einen Augenblick das Fließen der Zeit durch die Materie meines Körpers spüren, die keine andere Materie war als die Materie der Grashalme unter mir und der Sterne über mir und der Körper neben mir, welche lediglich auf eine andere Weise durch den Kuss der Zeit vor Beginn der Ewigkeit in Bewegung gesetzt wurden und nun sanft als zarte Welle über die Ufer meiner Empfindsamkeit streiften. Ich nahm den Rest des Ketamins und versank, Robert Walser in meinen Armen haltend, in dem sanften Nachglühen der Nacht. Mein Kiefer wurde taub und alles löste sich auf. Das Scheinen der flüssigen Kristalle des Displays meines Smartphones zog mein Empfinden und mit ihm die Sensibilität meiner Finger zu den vermeintlichen Zeichen der Bedeutung, mit denen ich diesen Text arrangiere. Doch meine Hände wurden schwitzig und das Gerät entzog sich mehr und mehr meiner Kontrolle, die zarten Spannungen wurden unscharf, während sich jegliche Reste einer Perspektive verzogen. Spürte ich im Schatten des unendlichen Scheinens des tiefschwarzen Displays das Scheinen der Minen für seltene Erden in den Bergen des Kongo? Oder den Geruch der Tränen in einem Hochbett bei Foxconn, geboren aus der Sehnsucht nach dem Geruch des Holzes am Ende der Regenzeit. Den Schweiß der Arbeiter, der im Moment der Kontraktion von ihren Muskeln perlt. Ich war ohne Frage high. Mein Smartphone wehrte sich gegen meine Eingaben. Mit einem Mal war der Zauber vorbei und ich starrte regungslos in die Unerträglichkeit einer absolut neutralen Realität. Nichts hatte mehr einen Sinn.

Wer sind wir in Abwesenheit einer Geschichte?

Das Virtuelle ist nicht der Antagonist des Realen, sondern des Aktuellen. Es ist ein flirrendes Feld der Potentiale, welches außerhalb des Materiellen liegt, aber unsere Realität konstituiert. Virtuell
sind unsere Ängste, virtuell sind unsere Hoffnungen. Im antiken Rom war das Virtuelle die als Gottheit personifizierte Tugend Virtus, der Ruhm tapferer Soldaten, die sich im Krieg bewiesen hatte, die Anwesenheit des Vergangenen, welches doch noch immer Teil des Realen war und in diesem fortbestand, wie auch das Unbekannte unserer Vergangenheit als Gravitationskraft die Verlaufswege unserer Existenz mal sanft, mal harsch in ihre Bahnen lenkt. So bilden das Virtuelle und das Aktuelle in ihrem Spannungsverhältnis eine glühende Grenze der Nicht-Berührung. Dieser Grenze nähert sich Yann-Vari Schubert in seiner künstlerischen Praxis. Die Arbeit while (true) for a while erfasst digital durch Photogrammetrie eine Landschaft von Menhiren. Diese rätselhaften Gesteinsanordnungen stammen aus der spätneolithischen Zeit von ca. 7000 bis 5000 v. Chr. und dienten wahrscheinlich rituellen Zwecken, doch erschließen sie sich uns nicht. Gleichwohl scheinen sie Zeugnisses des Versuches einer Verortung in der Welt, also der Entwicklung einer Subjektivität zu sein; Versuche, dem Chaos der Existenz eine Ordnung abzuringen. In diese Landschaft fügt er eine Symbiose zweier Konzepte aus der Programmiersprache. Die for- und while-Schleifen sind Funktionen zur bestimmten oder unendlichen Wiederholung von Operationen unter bestimmten Bedingungen und bilden konstitutive Elemente in der Ausführung von Programmen. Dass Technologien unseren Zugang zur Welt gestalten, ist kein neues Phänomen, denn ihre virtuellen Potentiale bestimmten seit jeher die Möglichkeiten unserer Handlungen. Der Stein, mit dem mein Ahne ein Feuer entzündete, konnte ihm ebenso dazu dienen, den Schädel eines Konkurrenten einzuschlagen. Zeitgenössische Technologien hingegen werden in ihren Anwendungen immer spezialisierter und damit auch ihrer Unbestimmtheitspielräume beraubt. In seinen Serien begin repeat until end und untitled (Spline) begibt sich Schubert in direkte Auseinandersetzung mit deren Determinismen. Er konfrontiert technologische Bestimmtheit mit den Variablen der menschlichen Handlung und des Zufalls: Im Tanz mit den Algorithmen lotet er die Möglichkeiten einer relativen Autonomie aus und kommt so zu Bildern, die einerseits in ihrer Beschaffenheit eine tiefergreifende Ambivalenz zwischen Vorgabe und Alteration schaffen und die es andererseits so nicht noch einmal gibt, die sich nicht reproduzieren lassen. Dieses Öffnen gegenüber den Potentialen der Technologie ist zentral für eine Mitbestimmung an der Gestaltung zukünftiger Lebenswirklichkeiten. Denn unsere technologischen Abhängigkeiten sind unausweichlich und eine von ihnen befreite Subjektivität nie mehr als Fiktion.
—Roy Huschenbeth