PHILIP GAISSER, 2015

> Arbeiten

Schwerwiegende Übersetzungsprobleme
Philip Gaißer
30.1.-14.3.2015

Es beginnt mit einer kurzen Verwechslung. ‚Bladerunner‘? Ein Comic bildet den Auftakt zur neuen Ausstellung von Philip Gaißer. Dass man den Titel zuerst falsch liest, hat mit der Popularität des Vorbilds zu tun. Sein richtiger Name lautet ‚Bladeruiner‘, stilisiert als dunkler Held, ein gesuchter Öko-Terrorist – der Comicstrip illustriert die Methode des ‚Tree Spiking‘, einen Akt der radikalen Sabotage gegen die Abholzung der Wälder. Das Original findet sich in dem Buch ‚Ecodefense: A Field Guide to Monkeywrenching‘, das der US-amerikanische Umweltaktivist Dave Foreman 1985 herausgegeben hat. Wieder eine Verwechslung. Um Umweltaktivismus jedenfalls geht es in dieser Ausstellung nicht. Gaißer zeigt die Vorlage und dazu zwei eigene Versionen mit jeweils ausgetauschten Texten. Zwei Künstler haben auf der Grundlage völlig unterschiedlicher Informationen zu dieser Ausstellung Texte für die Comicvorlage verfasst. Die inhaltliche Neufassung findet ihre formale Entsprechung in der unterschiedlichen Tonalität der Blätter, sie wurden als Blaudrucke (Cyanotypien) produziert und jeweils verschieden lang belichtet. Das Anwenden eines Verfahrens aus den Anfängen der Fotografie ist einer von zahlreichen Verweisen auf den medienspezifischen Diskurs dieser Ausstellung, der die Fotoarbeiten, Zeichnungen, Drucke und Skulpturen miteinander verbindet. Charakteristisch für die Arbeitsweise von Philip Gaißer ist diese Komplexität der Medien und Querverweise, aus denen sich eine sehr präzise gedankliche Konstruktion in der Auseinandersetzung mit dem Fotografiebegriff abzeichnet. Einem Fotografiebegriff, der kulturhistorisch weit abdriftet, von zoologischen Archiven über enthusiastische Reiseberichte aus der Zeit der Aufklärung und Inventarlisten ausgestorbener Arten bis hin zur militanten Verteidigung von Natur in den 80ern, um aus möglichen Anknüpfungspunkten den Ausstellungszusammenhang als Gegenwart und Ebene der Betrachtung zu definieren, die zu einem Nachdenken über Methoden des Zeigens und Sehens auffordert.

So schließt die Serie mit den fünf Aufnahmen präparierter Eichelhäher formal an die Comic-Plakate an. Auch hier wird ein Aspekt des Abbildens zum Bildbestandteil: Für den Hintergrund der Fotos wurde jeweils dieselbe Farbkarte mit der Bezeichnung ‚Normalblau‘ und einer Skala von drei Blauabstufungen verwendet. Vor diesem neutralen Hintergrund wurden die Eichelhäher in dem dekorativen Stil klassischer Studiofotografie abgelichtet. In dem Kontext seiner naturwissenschaftlichen Klassifizierung und Präsentation als spanische, japanische, chinesische, indische und russische Ausgabe seiner Gattung demonstriert der Vogel in diesen Tableaus seine Erscheinungsformen. Das Aufzeigen selbst gehört wiederum zu den besonderen Fähigkeiten des Eichelhähers, wenn er sie auch überwiegend zur Simulation und Irreführung einsetzt. Das hat der scheue Waldvogel mit dem mysteriösen ‚Bladeruiner‘ gemeinsam: Sie sind Meister der Täuschung. Die Bälge werden seit Jahrzehnten in vergessenen Archiven des Zoologischen Museums in Hamburg aufbewahrt, an ihren Füßen baumeln detaillierte Beschriftungen mit ihrem Fundort, dem Jahr der Aufnahme in das System und der zugeordneten Archivnummer. Die Frage nach dem tatsächlichen wissenschaftlichen Wert dieses Archivbestands tritt hinter dem Fetisch der Leidenschaft des Sammelns zurück.

Im hinteren Bereich der Ausstellung wird eine aus 33 Blättern bestehende Papierarbeit gezeigt: Das Schaubild ausgestorbener Vogelarten ist unterschiedlichen literarischen Quellen aus der Zeit der Aufklärung entlehnt, etwa den Aufzeichnungen reisender Naturkundler wie des deutschen Ethnologen Georg Forster, der im 18. Jahrhundert an der zweiten Weltumsegelung James Cooks teilnahm. Mit der reduzierten Ästhetik der Blätter und der archivarischen Sachlichkeit der Präsentation kontrastieren klangvolle Vogelnamen wie Guadalupe-Karakara oder Reunion-Solitär. Die Leerstelle des nicht Dokumentierbaren ergänzt der Betrachter in seiner Vorstellung anhand der notierten Farbzuschreibungen und Angaben zu Augenumfang. Von objektivierbaren Farbwerten in Bezug auf die einstigen Südseevögel ist man weit entfernt.